aller_Dings in Strausberg
Strausberg - „Wer jammert in der Steppe“?
Wir können es nicht mehr hören - diese ewige Gejammere. Der trostlose Osten mit seinen horrenden Arbeitslosenzahlen, der Jugendabwanderung, dem Sozialkahlschlag. In den Medien wird ein Bild Ostdeutschlands gezeichnet, das von Truppenübungsplätzen, Neonazikameradschaften und Abrissbirnen geprägt ist. Der wirtschaftliche Aufschwung-Ost ist längst verkauft. Da stellt sich die Frage, wem dieser Aufschwung vorrangig genutzt hat.
Wir gestehen, all diese Zuschreibungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Doch scheinen die unzähligen Negativschlagzeilen und Forderungen nach Veränderung die Verantwortlichen nicht so brennend zu interessieren. Mitbestimmung funktioniert hier nicht. Forderungen der Bevölkerung haben kein Gewicht, die kapitalistischen Verhältnisse hinterlassen Steppenland. Neue gesellschaftliche Konzepte müssen her. Wir brauchen Ideen, die nicht auf Marktinteressen und bedingungslose Verwertung ausgerichtet sind. Denn die stellen im Endeffekt nur Wenige zufrieden.
Die desolate Immobiliensituation im Osten bietet hierfür genügend Potential ...
Eine dieser möglichen Ideen wird gerade in die Praxis umgesetzt. Wir sind eine Gruppe junger Menschen, die in Strausberg, 40 km östlich von Berlin, mit Hilfe der "Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit" (PaG) ein Haus erworben haben und dieses kollektiv beleben wollen. Hier soll Platz entstehen für bezahlbaren Wohnraum, der in Selbstverwaltung den Bedürfnissen der BewohnerInnen angepasst wird. Die desolate Immobiliensituation im Osten bietet hierfür genügend Potential, was es zu nutzen gilt.
Um ein solidarisches Zusammenleben zu schaffen, gibt es bereits jetzt eine Kasse, in die alle zukünftigen BewohnerInnen ihre regelmäßigen Einkünfte einbringen und aus der der Lebensalltag gemeinsam bestritten wird. Das Ziel unseres - für einige sicherlich ein altbekanntes - Vorhaben der gemeinsamen Ökonomie ist es, durch gleiche finanzielle Voraussetzungen im Alltag, allen Beteiligten gleiche Chancen zu ermöglichen, ungeachtet ihres bisherigen sozialen Status'.
Ein weiterer Teil unserer Idee ist es, innerhalb des Hauses einen öffentlichen Raum zu schaffen, der viele Menschen dazu einlädt, sich zu treffen und zu organisieren. Ein Raum für Veranstaltungen, Ausstellungen, SchülerInnenladen, politische Gruppen... Kurz: ein Ort, an dem vielfältige nichtkommerzielle Interessen eingebracht und vernetzt werden können. Die endgültige Umsetzung der Idee hängt somit stark von den Leuten ab, die den neuen Freiraum beleben.
Ausgerechnet Strausberg...
Soweit so gut. Doch oft werden wir gefragt, warum bleiben junge Menschen mit solchen Plänen ausgerechnet in Strausberg? Gibt es nicht lebenswertere Plätze auf dieser Welt?
Unsere Antwort ist klar: Seit vielen Jahren sind wir in lokalen und überregionalen Strukturen aktiv. Sei es das "Soziale Zentrum Horte", ein linkes Jugendprojekt in Strausberg, welches wir mit aufgebaut haben oder die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Kommune "ÖkoLeA" in Klosterdorf. In vielfältigen Initiativen, wie der "Aktion Noteingang", einer FoodCoop, antirassistischen Kampagnen gegen die Neonazikameradschaft "Märkischer Heimatschutz" oder der "Beratungsgruppe für Opfer rechter Gewalt" misch(t)en wir mit. Das ist neben sozialen Kontakten einer der wichtigsten Beweggründe, gerade in Strausberg unsere Idee zu verwirklichen. Die Einbettung in gewachsene Strukturen vor Ort, ergänzt durch die Mitarbeit in überregionalen Netzwerken wie z.B dem "Demokratischen Jugendforum Brandenburg" (DJB) und der PaG. Nicht zuletzt soll hier, östlich von Berlin, ein Projekt aufgebaut werden, um dem erstarkenden rechten Mainstream und dem soziokulturellen Kahlschlag etwas entgegen zu setzen. Wir wollen uns einmischen und eigene Punkte auf die politische Agenda setzen, auch jenseits von Wahlurnen und Interessenverbänden.
Dieses Projekt ist sicher nur ein kleiner Teil einer Antwort, die den gegenwärtigen Verhältnissen bislang schuldig geblieben ist. Aber es ist ein Anfang und soll andere Menschen motivieren mit ihrer prekären Situation zu brechen. Wir werden nicht länger warten auf eine politische Entscheidung, die uns zum Wohl verhilft. Wir werden zwar weiterhin die Zuständigen in die Verantwortung nehmen, doch dabei unsere eigenen Möglichkeiten nicht übersehen. Wir packen es an!
Kontakt: allerdings (at] gegenseitig.de
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 26. November 2010 )