Projektgruppe Karlshof
Was macht die Lok auf dem Acker?
Nachdem der Karlshof im Frühjahr 2005 an die PaG zurück gefallen war (s. Kasten), fand sich schnell eine Hand voll Menschen, die Lust hatten, an diesem schön gelegenen Ort etwas weiter zu entwickeln. Angesichts von 50 Hektar umliegender Nutzflächen lag es nahe, diese landwirtschaftlich zu nutzen, zumal mit zwei Agrarwissenschaftlern in der Gruppe auch die fachliche Kompetenz dafür vorhanden war. Wir verbrachten daher den Sommer damit, ein Konzept für den Hof und die Gruppe zu entwerfen und in der PaG sowie einem interessierten Umfeld zu diskutieren.
Klar war, dass wir eine andere Art der Nahrungsmittelversorgung probieren wollten als die des weltumspannenden warenproduzierenden Systems, dessen Absurdität und Zerstörungskraft uns immer deutlicher vor Augen tritt. Dem wollen wir als Lokomotive Karlshof das Konzept einer nicht-warenförmigen Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln gegenüber stellen. In freier und solidarischer Kooperation mit anderen Gruppen und Einzelpersonen, die mit uns zusammen die Idee einer nicht-kommerziellen Landwirtschaft (NKL) umsetzen und weiter entwickeln wollen, versuchen wir einen Teil unseres Bedarfs nicht vermittelt über den Warenmarkt, sondern unmittelbar über einen kollektiv organisierten Produktions- und Verteilungsprozess zu decken. Wir wollen nicht Dinge produzieren, um sie zu verkaufen oder gegen andere Wertäquivalente zu tauschen, sondern das Ziel ist der gemeinsame Prozess und die selbst gestaltete, direkte Bedürfnisbefriedigung – also eine Art Selbstversorgung, aber nicht von autarken lokalen Gruppen, sondern im Sinne eines produktiven sozialen Netzwerks auf einer höheren Ebene gesellschaftlicher Organisation und Arbeitsteilung.
... Geben und Nehmen werden entkoppelt ...
Die Herstellung von Nahrungsmitteln umfasst eine Vielzahl von Arbeitsschritten. Der gesamte Prozess erfordert daher ein gemeinsames Engagement sowie die notwendige Kommunikation und Organisierung aller Menschen in einem solchen Versorgungsnetzwerk. Die Teilnahme ist freiwillig, Geben und Nehmen werden entkoppelt und an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Beteiligten ausgerichtet. Dabei können auch Aktivitäten, die nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Produktionsabläufen stehen, einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des gesamten Experiments leisten. Die Abgabe der produzierten Güter erfolgt in jedem Fall unentgeltlich und unabhängig von der Beteiligung am Entstehungsprozess.
Im Frühjahr 2006 starteten wir unsere erste NKL-Saison. Da wir nur über wenige landwirtschaftliche Maschinen und eine rudimentäre Infrastruktur verfügten, entschieden wir uns für den Anbau von Kartoffeln, da dieses Produkt direkt verteilt und verzehrt werden kann. Wir verschickten einen „Aufruf zur Selbstorganisation“, in dem wir die Menschen einluden, sich an unserem Experiment zu beteiligen und ihren Bedarf an Kartoffeln mitzuteilen. Die Resonanz war erstaunlich gut, sodass wir beginnen konnten, auf drei Viertel Hektar Kartoffeln anzubauen. Die Grundbodenbearbeitung erledigte unser Nachbarbauer, der sich zu unserer Überraschung bereitwillig auf eine Kooperation auf der Basis gegenseitiger Hilfe ohne Geldfluss einließ. Mit dem Geld von UnterstützerInnen kauften wir einige der für den Anbau benötigten Geräte, andere liehen wir uns in der Umgebung und bei befreundeten Projekten aus. Über den Sommer kamen immer wieder Menschen, die uns beim Absammeln der gefräßigen Kartoffelkäfer, beim Aufbau der Infrastruktur und bei der Sanierung der Gebäude unterstützten oder im Garten mithalfen. Zur Kartoffelernte kamen bei herrlichem Wetter viele Menschen, die Hand in Hand arbeiteten und Spaß dabei hatten. In nur vier Tagen waren fünf Tonnen Kartoffeln geerntet, sortiert und abgepackt im Keller, abschließend wurde gefeiert. Diese Erntetage, die den meisten Beteiligten als ein soziales Ereignis der besonderen Art in Erinnerung bleiben wird, bildeten den gelungenen Abschluss unseres ersten Anbaujahres.
Das zweite Erntejahr 2007 verlief ähnlich und auch die Ernte war, trotz des mäßigen Wetters, ein Erfolg. In einer Woche konnten wir mit vielen Menschen von einem Hektar ca. 9 Tonnen Speisekartoffeln ernten, die nun in unseren Kellern hier auf dem Karlshof, aber auch in Berlin darauf warten, den Bedarf von interessierten Kartoffelesserinnen zu befriedigen.
... versuchen wir zu unterlaufen, was vielen als Naturgesetz gilt ...
Auch wenn unser Experiment NKL in den ersten Jahren erfolgreich verlief, müssen einige Widersprüche und Schwierigkeiten benannt werden, die unser Projekt auf längere Sicht begleiten werden. Inmitten eines warenproduzierenden Systems, das den meisten Menschen als vollkommen alternativlos erscheint, versuchen wir zu unterlaufen, was vielen als Naturgesetz gilt: Wertproduktion und Warentausch. Das Widersprüchliche dabei ist, dass wir vorläufig einen Großteil unseres Bedarfs weiterhin aus diesem System beziehen müssen. Woher dafür das Geld nehmen, wenn wir weder unsere Produkte noch unsere Arbeitskraft verkaufen wollen? Aus marktökonomischer Sicht wirkt unser Projekt absurd. Auf uns allein gestellt wäre unser Experiment nicht finanzierbar. Als Teil eines kollektiven Selbstorganisierungsprozesses wird jedoch auch die Beschaffung der für die NKL notwendigen Geldmittel zu einer Aufgabe unter vielen. Eine wichtige Voraussetzung, die Gebäude und Nutzflächen auf dem Karlshof, haben wir von der PaG unentgeltlich überlassen bekommen. Zur Sicherung sowohl der Produktionskosten für die NKL als auch unserer Lebenshaltungskosten werben wir Spenden und Patenschaften ein, vorerst sind wir aber noch abhängig von staatlichen und privaten Unterstützungsleistungen und Fördergeldern. Wir müssen also vorläufig mit dem Widerspruch leben, die Überschüsse vergangener Wertproduktion zu vernutzen, um eine andere Produktionsweise experimentell zu entwickeln. Falls das Experiment gelingt und tatsächlich ein funktionierendes Versorgungsnetzwerk entsteht, haben wir die Hoffnung, dass sich dieses auf weitere Produktions- und Dienstleistungsbereiche ausdehnen wird und somit ein zunehmend größerer Teil unseres Bedarfs aus einer nicht-kommerziellen Wirtschaftsweise gedeckt werden kann. Bereits jetzt zeigt sich, dass die Selbstorganisierung mit anderen auch ermöglicht, vieles Notwendige und Angenehme mit weniger oder ganz ohne Geld zu schaffen.
Wir haben es nicht gelernt, ...
Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Ungewohntheit einer nicht auf äquivalentem Tausch beruhenden Wirtschaftsweise. Wir haben es nicht gelernt, die Dinge, die wir zum Leben brauchen, in einem gemeinschaftlich organisierten Prozess direkt herzustellen und nach Bedarf zu verteilen. Vielen fällt es schwer, eine solche Wirtschaftsweise auch nur zu denken, wir alle werden die Fähigkeiten, die ein Wirtschaften auf der Basis von vertrauensvoller Kooperation und respektvoller Kommunikation erfordert, erst noch erlernen müssen. Wir müssen uns selbst befähigen zu dieser Art gesellschaftlicher Selbstorganisation. Das verlangt von allen Beteiligten nicht nur ein gehöriges Maß an Kommunikations-, Konflikt- und Auseinandersetzungsfähigkeit, sondern auch Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen in einen Prozess, der von den Einzelnen nicht immer in allen Details überschaubar sein wird.
In diesem Sinne hat das erste Jahr NKL für viele nicht nur Kartoffeln umsonst, sondern auch jede Menge gegenseitigen Austausch, gemeinsame Freude und praktische Erkenntnisse gebracht – Erfahrungen, die dazu beitragen können, unsere Selbstorganisierung weiter auf den Weg zu bringen.
Lokomotive Karlshof Letzte Aktualisierung ( Samstag, 23. Februar 2008 )