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Kein idyllischer Rückzugsort
Im Sommer 1998 kam es in Bernau, einer kleinen Stadt nordöstlich von Berlin, zu einem bis dahin unbekannten Medieninteresse. Auslöser war eine Gruppe Jugendlicher, die von Geschäft zu Geschäft gingen um schwarz-gelbe Aufkleber zu verteilen. Auf denen stand neben einem umgekehrten Notausgangpiktogramm in drei verschiedenen Sprachen „Aktion Noteingang - Wir bieten Schutz und Informationen bei rassistischen und faschistischen Übergriffen“. Dadurch gelang es, die Öffentlichkeit für die rechtsextremen Übergriffe zu sensibilisieren und es wurde breit diskutiert, was sich tun lässt, wenn man Zeuge eines solchen Überfalls wird. Für die Medien gab es endlich eine Aktion gegen die rechtsextreme Bedrohung im Osten Deutschlands, die über bloße Appelle hinausging und zum nachahmen einlud. Noch heute kann man in vielen Orten solche Aufkleber finden, wobei die Farbgebung und auch der Textaufdruck durch die jeweils regionalen InitiatorInnen immer wieder verändert wurden. In den letzten acht Jahren sind einige InitiatorInnen der Aktion Noteingang in das nahe Berlin gezogen oder haben noch weiter weg Arbeit, Ausbildungs- oder Studienplatz gefunden. Doch etwa die Hälfte der Gruppe hat sich für ein Leben in der Umgebung von Bernau entschieden und engagiert sich weiter in der Stadt und im Umfald. Da gibt es zum Beispiel den alternativen Jugendtreff „DOSTO“. Schon damals ein Ausgangspunkt für die Aktion Noteingang, ist das „DOSTO“ noch immer ein Ort an dem Jugendliche sich treffen und selbstorganisiert Konzerte und Veranstaltungen durchführen. Einige der inzwischen erwachsenen Noteingang-AktivistInnen kümmerten sich in den letzten Jahren vor allem um die Finanzen und die Vorstandsarbeit des Trägervereins. Gerade ziehen sie sich endgültig aus dem Verein zurück, um den Jugendlichen, die den Treff nutzen auch die volle Verantwortung für den Verein zu übergeben. Außerdem bleibt so mehr Zeit, denn mit neuen MitstreiterInnen arbeiten sie nun schon seit 4 Jahren an einem neuen großen Projekt.
Seit inzwischen vier Jahren will die Gruppe einen Gemeinschaftshof gründen. Doch die Suche nach einem geeigneten Objekt und entsprechende Verkaufsverhandlungen gestalteten sich schwierig. In Bernau und der direkten Umgebung gibt es nur sehr wenige geeignete leerstehende Gelände. Grundstückseigentümer wie der Berliner Senat oder eine Immobiliengesellschaft des Bundes zeichnen sich vor allem durch besonders schleppende Arbeit und völlig unrealisitsche Preisvorstellungen aus. So sah sich die Gruppe nach weiteren geeigneten Geländen um. 20 bis 30 Menschen sollen dort einmal gemeinsam leben und aktiv sein. Gemeinsam und solidarisch will man sich dabei unterstützen die eigenen Ideen und Träume zu verwirklichen. „Durch unser politisches und soziales Engagement sind über die Zeit Ansprüche an ein gemeinsames Wohnen entstanden“, so Christina W. „Auch in der Kleinstadt soll ein Leben jenseits von Kleinfamilie und Singlehaushalt möglich gemacht werden. Aber auf keinen Fall wird das Projekt zu einem idyllischen Rückzugsort aus der Gesellschaft werden. Ganz im Gegenteil, das Projekt wird Heimat für Menschen werden, die sich in der Stadt und der Umgebung weiter engagieren wollen“, sagt Steffen R., der zusammen mit anderen der Gruppe in der „Kontakt- und Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt“ mitarbeitet und beim Barnimer Aktionsbündnis gegen Gentechnik Aktionen gegen den Genmais-Anbau im Land Brandenburg organisiert. Beate G. ist vor zwei Jahren nach Bernau gezogen und hat, direkt nach ihrem Studium, den ersten Bioladen Bernaus eröffnet. Sie will sich vor allem für Natur- und Umweltschutz engagieren. So hat sie eine Stelle für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr geschaffen, schon mehrere Veranstaltungen in ihrem Laden durchgeführt und weiteres, wie die Gründung einer Kinderökogruppe ist in Planung.
Die aktive Gestaltung des eigenen Umfeldes durch kulturelles, politisches und soziales Engagement, bleibt das Ziel der jungen Erwachsenen. Ihre Mitarbeit in der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit ist da nur konsequent.
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 16. April 2010 )